01. April 2000
Eine lange Geschichte mit Happy End
Hätte man mir vor vier Wochen, als die Organisation unseres Jubiläumskonzertes so ganz langsam in Richtung Detail gingen, gesagt, es würde ein derart wundervoller Abend werden - Gott, keine Ahnung, wie genau ich reagiert hätte, doch mit Sicherheit wären meine Worte mit einem ganzen Güterzug voller Zweifel behaftet gewesen. Bestimmt hat uns die Vorbereitungsphase des "Ten Years Tale On Stage" Jahre unseres Lebens gekostet - zumindest Pierre, Frank und mir - doch wie sagt der Philosoph so trefflich: wahrlich wichtig ist, was letztlich wahrlich wichtig war - na ja, so oder so ähnlich jedenfalls.
Ich werde im folgenden versuchen, die Ereignisse um unseren ersten Konzerthöhepunkt des Jahrhunderts in all ihren nostalgischen, ärgerlichen, zu Tränen rührenden, einzigartigen, grausamen und wundervollen Einzelheiten wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen - gleichwohl ich mich kurz zu fassen gedenke, was mir - ach wem sage ich das - ja meist nicht gerade leicht fällt:
Wie die meisten von Euch ja mittlerweile wissen, war als Austragungsort für das Konzert ursprünglich die altehrwürdige Zeche Carl geplant, alle Absprachen mit dem dort verantwortlichen Stefan Hammerschmidt abgehakt, Gage, Catering und Equipment vereinbart, der Zeitpunkt auf 23.00 Uhr angesetzt und eingentlich waren insgesamt alle Beteiligten rundum zufrieden damit. Nun wären wir aber nicht Another Tale, wenn an unserem Jubiläumstag all das plötzlich reibungslos funktionieren würde, was über nunmehr ein Jahrzehnt mit gnadenloser Verlässlichkeit grundsätzlich schief lief. So schlich sich in unsere trügerische Ruhe ganz unerwartet eine Flamenco-Hupfdohlen-Veranstaltung hinein, die uns den Abend in der Carl´schen Turnhalle erfolgreich streitig machte und zum ersten Hauptproblem führte: wohin ausweichen in so kurzer Zeit und wie in noch kürzerer Zeit alle potentielle Besucher vom Umzug in Kenntnis setzen?
Nun denn, ab ans Werk und tief hinein in die Verzweiflung darüber, dass Star Club, Kaue, Zeche Bochum, Rockpalast - alle gern genommenen Ausweichmöglichkeiten verständlicherweise besetzt waren und mit jeder Stunde wuchs die Gewissheit, dass die ganze Klamotte in einem Disaster enden würde, bis - ja bis die liebe Gabi - Patin des Merchandisings - uns die Räumlichkeiten des Stephanus in Essen-Überruhr anbot, ein riesengrosser Saal, in dem wir schon ab und an Konzerte gegeben hatten, mit allem, was dazu gehört inklusive einer geeigneten Bühne, die dazu auch noch mit einem Vorhang versehen war, und sich darüber hinaus auch wunderbar beschallen ließ. Unser Technik-Genius Vanni war schnell informiert, das nötige Equipment geordert, die Presse wurde nachhaltig in der gleichen Penetranz verständigt, wie jeder einzelne, der irgendwann einmal den Fehler gemacht hat uns seine E-Mail Adresse zukommen zu lassen und unsere Mundwinkel begannen wieder höhere Gefilde zu erklimmen.
Nun ja - der Saal war bereit, jetzt hiess es, ein würdiges Programm zu erstellen, wobei wir natürlich dafür Sorge tragen mussten, dass auch unsere "EX-Taler" sich würden angemessen profilieren können. Drei Nächte vor der ersten gemeinsamen Probe mit ungelogen zwölf Musikern begann sich jegliche Tiefschlafphase von mir zu verabschieden und ich spürte ein gar nicht ganz so schönes Ziehen in meinen Synapsan zu verspüren. Würden wir uns verstehen, gab es alte unausgetragene Zwiste, schuldete ich jemandem noch Geld, würde der liebe Pierre viel Mühe damit haben, Öl auf brechende Fluten zu giessen?
Schnickschnack!
Herrlich unkompliziert waren die Proben mit Dete, Horst, Reinhold, Baumi, Phil und Connie - ohne Stress, ohne Mühen, die Songauswahl war schnell getroffen, im Gegensatz zu alten Zeiten, gab es wider Erwarten keinen kollektiven Wutblutrausch bei unserem Vorhaben, halbwegs gleiche schwarze Klamotten zu tragen - ja, und so irgendwie keimten recht nostalgische Gefühle bei allen Beteiligten auf, wobei besonders Reinhold "Ryan O´Tale" Hessling wohl sehr schnell seine damalige Entscheidung ein wenig bedauerte, seine zweite Familie zugunsten der ersten zu verlassen, was wir allerdings damals alle gut verstehen konnten.
Nun gut - ich will mich jetzt nicht zu tief in die dutzend Kleinigkeiten stürzen, die im Vorfeld der Veranstaltung noch auftauchten, letzten Endes fanden wir uns am Samstag dann gegen 15.00 Uhr im Stephanus ein, um uns spontan krampfhaft an die Herzgegend zu greifen, als uns erstmals bewusst wurde, wie verdammte grausam gross der Saal doch war! Eine gute Hundertschaft Besucher hätte nicht einmal die Thekenphalanx füllen können, doch - keine Ahnung wie - hatte sich ein unterschwelliger liebkosender Optimismus in unsere Nervenkostüme geschlichen und ausserdem wäre es sowieso leicht zu spät gewesen, noch etwas ändern zu wollen. Es begann eine zweistündige Aufbauphase auf die einer der ausgiebigsten Soundchecks unseres Schaffens folgte - jedes Instrument wurde in aaaaaller Ruhe geprüft, in verschiedensten Klangvariationen ausgepegelt und nach nur drei Stunden war auch dieser Akt beendet, so dass wir uns um circa 19.00 Uhr in einem bequemen, wenn auch leicht überfüllten Backstageraum auf ein kulinarisch einfach umwerfendes Buffett schmeissen konnten, welches uns unser lieber Freund Nico Schäfer spendiert hatte, um auf diese Weise um Ablass dafür zu betteln, dass er den Abend lieber mit seiner Frau in einem Hessischen Love-Hotel zu verbringen gedachte, als mit uns unseren Jahrestag zu begehen. Gut, Ablass erteilt!

Selbst die Vegetarier unter uns kamen auf ihrer Kosten, wobei ich ja als eingeschworener Tier-mit-Gesicht-Esser nicht so ganz kapiere, warum man ein Rinderfilet zum Würgen findet und sich dann mit Schmackes auf einen armen Meereskrabbler stürzt, der aus seiner angestammten Umgebung gegen seinen Willen entfernt und LEBEND in einen überdimensionalen Suppentopf geschleudert wurde, um mir mit vollen Backen und glücklich verdrehten Augen zu erzählen, warum das allein schon aus geschmacklicher Hinsicht so sein muss!

Als der Zeiger dann langsam aber unausweichlich auf die 21.00 Uhr zutickerte, begaben wir uns in den eigentlichen Backstageraum - ein kleines Verlies neben der Bühne - und es begann die eigentliche Hölle. Wir hatten uns vorgenommen einen irre, doll supercoolen Auftritt zu starten, indem wir uns bei geschlossenem Vorhang an die Instrumente und jeweiligen Positionen begaben, das Intro abwarten und dann mit beginnendem "Shelter From The Storm" eben jenen Vorhang öffnen, uns mit einsetzendem Gitarrenpart schwungvoll dann in Richtung Publikum drehen wollten!
Tale´sche Scheisshausidee!
Es ist schlichtweg grauenvoll, hinter diesem Stoffgebilde zu stehen und darauf zu warten, dass es endlich losgeht! Ich war noch nie so nervös und als es dann wirklich in medias res ging ... oh lieber Gott, Frontman Robert P. Dougoll in schwarzem Zwirn, Sonnenbrille und Möchtegernultracool dreht sich mit Nachbrenner um die eigene Achse, trifft sein Mikrostativ, ballert es mit hundert Sachen nach links und damit direkt vor Pierre´s Gitarrenhals - von dessen eigenem Stativ ganz zu schweigen! Mit dieser Aktion stand eines unumstössliche fest: es würde ein verdammt witziger Abend werden!
Ich würde jetzt Einiges dafür geben, all die wunderschönen Momente, die ich so schnell nicht vergessen werde, hier angemessen literarisch zu würdigen, doch ich denke man muss einfach dabei gewesen sein. Ich danke insbesondere allen Ex-Talern für ihr einzigartiges Engagement. Seit Samstag verstehe ich, warum es so lange gedauert hat, bis wir über den "Verlust" von Reinhold weggekommen sind, doch werde nie verstehen, wie es Baumi alias "Igor Balcescu" bei all dem Gehampel schafft noch Bass zu spielen.
Ich fiel beim Anblick von Dete´s Pokerface bei Tastenspielen in ein echtes Nostalgieloch, bin stolz darauf, dass Phil immer noch ein wichtiger Teil unseres Schaffens im Studio ist, und finde es beachtlich, dass Horst Leis bei all dem Jonglieren mit Paragraphen noch Zeit für ein paar Stunden mit seiner Gitarre hat.
Die Stimmung war von Anfang bis Ende etwas ganz Besonderes und dies verdanken wir nicht zuletzt Cornelie Zillhardt - die es weiss Gott nicht immer leicht mit uns hat - und ihrer magischen Geige, einer perfekten Technik durch die Herren Jens Krause und Dirk Van De Sand, einer freundliche Atmosphäre und einem wunderbaren Publikum aus alten und neuen Fans!

Hey, Freunde, wir haben echt zu danken und das ist mehr als nur ein Spruch!

Doch bei all dem Trubel, den lieben Worten am Ende des Gigs, der unglaublichen Unterstützung in den vergangenen zehn Jahren, den vielen Gesichtern, Songs und Erfahrungen, bei aller Hoffnung auf eine lange Zukunft in und mit Another Tale will ich noch etwas los werden:
Ich bin verdammt glücklich, dass ich die letzten zehn Jahre mit Another Tale verbringen konnte und ich bin so verdammt stolz darauf, mit dieser Band auch weiterhin Musik machen zu dürfen, dass ... ja ... ich jetzt besser aufhöre, zu schreiben - lassen wir es so gut sein, wie es ist!
Auf eine lange Zukunft und viele Geschichten und auf abwesende Freunde!

Bis bald
Frank Peter

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