Gothic-Industrial-Night, Zeche Carl Essen, 5. Mai 2000
Eine historische Nacht!
Nun denn - jetzt sitze ich hier, zwei Tage nach unserem Auftritt im Zuge der Gothic-Industrial-Night in der Essener Zeche Carl, und versuche die Ereignisse von Samstag Abend noch einmal Revue passieren zu lassen und - hey - das macht nur partiell wirklich Spass!
Gut, wo fange ich am besten mal an? Okay, ursprünglich sollten wir ja bereits am 01. April, unserem legendären Bühnenjubiläum, in der Zeche Carl auftreten. Alles war geplant und hin und her organisiert, als wir knappe zweieinviertel Wochen vor D-Day per Zufall erfuhren, dass sich die Organisationsetage der altehrwürdigen Veranstaltungsstätte wieder einmal durch nahezu wahrlich perfekte Unfähigkeit hervorgetan hatte, und wir im Zuge totaler Überbelegung der Hallen einer Hupfdohlen-Flamenco-Veranstaltung weichen mussten (
zu den genauen Details siehe Konzertbericht "Stephanus"). Wer weiss, wofür es gut war, in jedem Fall war der Abend im Stephanus, unserer spontanen Ausweichstelle, in jeder Hinsicht denkwürdig und besser hätte es in der Zeche niemals werden können - soviel steht fest.
Dem lieben Stephan Hammerschmidt von der Zechen-Crew war die ganze Klamotte natürlich umwerfend peinlich und er gelobte unverzüglich Wiedergutmachung indem er uns den 5. Mai als Ausweichnachholtermin unterbreitete, mit einer hohen Gage lockte und uns nackig in die Hand versprach, er werde sich um nun wirklich aber ganz doll ehrlich alles kümmern, die gesamte Medienwelt mit Ankündigungen bombadieren, uns zwei volle Stunden Spielzeit, einen genialen Mischer und ein Catering versprach, das seinesgleichen in der Welt des kulinarischen Hochadel suchen müsse. Fuffzig Plakate bräuchte er, vier Millionen Infopakete und einen kleinen Verteidigungshaushalt an vergleichbaren Werbemitteln, um den Abend zu einem Gigamörderschweinegeilen Happenning werden zu lassen. Nabuffda!
Ich will es kurz machen: in nicht einem popligen Blättchen gab es auch nur den Hauch einer wie auch immer gearteten Kleinanzeige, niemand hatte je davon gehört, dass Tale an diesem Abend in der Zeche C. zu spielen gedachten, und in der gesamten Zechen-Anlage hing ein einziges, verlassenes, trauriges Plakat, wohlgemerkt stand dort jedoch lediglich ein Hinweis auf unseren PubPlugged-Auftritt am 13. Mai im Panoptikum.
Als sei das noch nicht genug der Schmach, war der hochverehrte Stephan H. an diesem Abend im Urlaub - genau wie alles was mit Organisationsverständnis zu tun hatte - und der uns hochheiligst versprochene Sammy als Mischer - ein wahrer Meister - war, als wir wie verabredet um 19.00 Uhr in der Turnhalle eintrafen, genausowenig vorhanden, wie die Kenntnis sämtlicher vereinbarten "Vertragsgegenstände". Aus den 120 Minuten Spielzeit waren obskure 60 Minuten geworden, der Konzertbeginn um beinahe zwei Stunden vorverlegt (das heisst, wir hätten mit dem Auftritt fertig sein sollen, noch bevor die Zeche ihre Türen geöffnet haben würde), und der über das Organisationsdefizit maulende Ersatzmischer Didi, war nach zwei zermürbenden Soundcheckstunden am Ende seiner Fähigkeiten, Kräfte und seiner Bereitschaft, weiterhin für die Zeche Carl zu arbeiten.
Na ja, nun wollen wir den Abend nicht zu sehr in die Kacke ziehen, doch, um ehrlich zu sein, die Stimmung war allgemein eher auf dem Null- als auf dem Siedepunkt angelangt und erst als der liebe Sammy gegen 23.00 Uhr in der Halle auftauchte, übrigens eigentlich in dem offiziellen Auftrag uns beim Abbau zu helfen, verlor die ganze Sache ihren muffigen Geruch und wir begannen um 23.30 Uhr unser leicht abgespecktes Programm. Zum Konzert selbst gibt es eigentlich gar nicht mehr viel zu sagen. Stefan kränkelte leicht vor sich hin und wirkte dementsprechend statisch, Ron hatte einen ziemlich dicken Hals ob der organisatorischen Vorspiele, ich selbst schwamm irgendwo zwischen mir und meiner selbst, Pierre war wie immer in Topform, Sebastian liess alle Wut an seinen Fellen aus, Frank war wie immer absolut und nachhaltig fehlerfrei und Conny hüpfte in alter Freude über die Bühne und war wieder einmal die Gewinnerin des Abends. Die Leute vor der Bühne waren eine wunderbar schwarze Mischung aus Goths und ein paar versprengten Tale-Fans, insgesamt aber haben wir es leider wohl nicht hundertprozentig verstanden, den Abend zur Party werden zu lassen. Schade!
Quintessenz der ganzen Klamotte war jedoch, dass es für uns - ich gestehe es unter Tränen - keinen Sinn mehr macht, im Rahmen der GIP aufzutreten, zumal wir offensichtlich zu viel Spass auf der Bühne haben, um uns gruftigsten Klängen zu ergeben und unserem Weltschmerz freien Lauf zu lassen. In den zehn Jahren unseres Schaffens haben wir wirklich geile Gigs in der Zeche C. gehabt, doch - hey - ich glaube wir sind für eine solche Schublade, in der wir hier letzten Endes gelandet sind, immer noch nicht düster genug! Eine historische Erkenntnis?