Nervosität ist ein seltsam anmutendes Gefühl, welches in diversen Abstufungen pflegt, Eingeweide zu durchforsten, Hälse beizeiten zuzuschnüren, Finger in einem filigranen Ballett durch das Nichts flirren und eine unwichtige Vorbesprechung zu einem Austausch kolerischer Kriegserklärungen werden zu lassen. Na ja, so ist es zumindest in meinem Fall und, um ehrlich zu sein, die Zeit vor dem diesjährigen Fan-Xmas-Special war die totale Hölle für mich, letztlich aber auch für alle, die das pech hatten, mich ertragen zu müssen! Die Gründe kann ich nicht umfassend erklären, doch hatte es auf jeden Fall mit einigen der folgenden Punkte zu tun:
Zum einen hatten wir vor, eine langjährige Tradition zu brechen, und das Konzert nicht mehr in der legendären Feldmannstiftung zu feiern, sondern auf den wesentlich geräumigeren Star Club auszuweichen, der geräumiger, praktischer und bereits mit Bühne und Anlage versehen war - Vorteile, die insbesondere nach dem Umstand, dass wir im vergangenen Jahr aufgrund Überfüllung über vierzig Leute wieder hatten nach Hause schicken und stundenlang Anlagenelemente hin und her wuchten müssen, von grosser Bedeutung waren. Das Sprichwort "Schuster bleib bei deinen Leisten" machte uns jedoch diese Entscheidung wirklich nicht leicht!
Andererseits war doch noch der Umstand, dass unser lieber und treuer Freund und Twentyseconds-Booker Frank Thiel seinen musikalischen Einstand als neuestes Bandmitglied geben würde und damit der vierjährigen Keyboardlosen Zeit ein Ende bereiten würde. Gut - er selbst wusste nichts davon, bis wir ihn Mitte August einem Test unterzogen: wir stellten ihn in die Mitte des Studios und beauftragten ihn, aus allen vorhandenen Instrumenten das Keyboard herauszufinden. Nach kurzem Zögern ging er schnurstracks auf die weiss-schwarzen Tastenanordnung zu, lächelte glücklich und wurde kalkweiss, als wir ihm eröffneten, dass er nunmehr und vortan unser Keyboarder sein würde! Wir hatten nun einmal überhaupt keine Lust, uns wieder mit einem virtuosen Tastenklopper einzulassen, der jeden Song mit einem musikalischen Trommelfeuer aus mindestens vierundzwanzig Tastaturen zukleistert, um uns dann stinkebeleidigt mitzuteilen, er habe sich ja gar nicht hören können und man solle doch eventuell auf eine Gitarre verzichten! So oder so ähnlich verliefen zumindest die Erfahrungen, die wir bisher hatten machen müssen.
Frank jedoch, der bis dato noch nie einen Finger auf ein derartiges Musikinstrument gelegt hatte, nahm sein Schicksal freudig schluchzend hin und begann einen dreimonatigen Übungsmarathon, der genau da endete, wo wir ihn hatten haben wollen: ein lieber und einfühlsamer Taler mit der Fähigkeit, atmosphärische Flächen zu legen und den Songs ganz neue Aspekte zu verleihen.
Nichtsdestotrotz färbte seine überaus verständliche Anspannung im Vorfeld seiner Bühnenentjungferung doch nachhaltig auf mich ab und das alles gipfelte in einigen schlaflosen Nächten und meiner Neigung, vor Lampenfieber zu kollabieren.
Samstag nachmittag, pünktlich um vier Uhr trafen wir dann guter Dinge und bepackt mit Equipment im Star Club ein und es begann ein Spiel, das wir niemals treffender schildern könnten, als das komplette Tale´sche Chaos!
Unsere Road Crew, bestehend aus dem lieben Hubert und seinem ebenso schlacksigen Freund Peer NoName, wuchteten unsere Klamotten in die Räumlichkeiten und der füllige wie freundliche Techniker Richie betrachtete unser Gewimmel, nahm mich zur Seite und verkündete mir, dass er sich mit der Monitoranlage nicht so richtig auskennen, dieses Problem aber schnell mit unserer Hilfe lösen würde. ?Ja ... äh ... am besten fangen wir dann mal an ... und ... jaaa ... baut doch mal auf ... vielleicht ... äh ... das Schlagzeug??
Gütiger Himmel! Ich verfluchte innerlich die Tatsache, dass unser treuer und talentierter
Techniker Vanni sich aufgrund weihnachtlicher Terminüberlastung nicht hatte freimachen können und wir nun diesem Frischling in Sachen Tontechnik völlig ausgeliefert waren, und so begann ich, mich in die Tiefen des Bühnensounds zu begeben, verkabelte, mikrophonierte und rannte hechelnd zwischen Bühne und Mischpult hin und wieder her bis in einem Akt gemeinsamer Anspannung, eine Subart von Sound erzeugt werden konnte.
Unser Soundcheck fiel in erster Linie wenig befriedigend, wenn nicht gar ganz aus, was auch noch dadurch verschlimmert wurde, dass die mittlerweile eingetroffenen Jungs von Connemara nicht mit guten Tips und verzweifelten Blicken geizten. Unsere Roadies waren ausgiebig und zumeist vergeblich mit dem Verkabeln und Verstehen von Nebelmaschine und Pyroanlage beschäftigt, die Saitenschinder unserer Band droschen unnachgiebig auf ihre Instrumente ein und in dieses Gewimmel platzte unser lieber Frank mit der einfühlsamen Frage, ob er sein Sakko schon einmal in den Backstageraum hängen könne.
All dies gipfelte jedoch in Huberts zahlreichen erfolglosen Versuchen, die Pyrotechnik zur richtigen Zeit zu zünden, wobei uns eine Testexplosion noch um die Ohren flog, lange nachdem der Song vorbei war, doch letztlich versprach er, alles verstanden zu haben und er werde die Ladungen auf meine Zeichen zum Ende des ersten Songs in die Saalluft zu jagen.
Wir liessen uns auf jeden Fall die Stimmung nicht verderben, zogen uns in die äußerst gemütlichen Backsageräumlichkeiten zurück und widmeten uns endlich wieder der riesigen, mitreissenden Vorfreude.
Bereits ab sieben Uhr bildete sich eine Schlange vor dem Eingang und als The Connemara Stone Company pünktlich um 22.00 Uhr ihr Programm beendet hatten, war der Saal mit über 350 grölenden Besuchern rappelkistenvoll.
Ich habe mittlerweile circa zwölf Versionen eines halbwegs zutreffenden Berichtes über die darauf folgenden Ereignisse in den PC gehauen und wieder gelöscht, habe minutiös all die kleinen Dinge aufgelistet, die schief, verdammt klasse oder gar nicht gelaufen sind, habe stundenlang mit Simone und den Jungs palavert und dementsprechend alles neu gestaltet und bin nunmehr feierlich zu dem Schluss gekommen, dass ich überhaupt nicht mehr weiss, was ich eigentlich schreiben wollte.
Ich habe jede Minute des Konzertes geliebt, habe mit Frank gezittert, mit Ron gekillt, mit Stefan den Harmonien gehuldigt, mit Sebastian den Bühnensound weggelacht und mit Pierre gefeiert.
Okay, wir haben nicht Alles so hingekriegt, wie wir es geplant hatten, und, jajajaja - ich kann den Text von "Don´t You" immer noch nicht, doch - hey - es war ein toller Abend mit einem einfach umwerfenden Publikum und das ist, was zählt!
Ich bin glücklicherweise nicht so sehr Profi, dass mich diese Momente, in denen Hunderte lachende Gesichter unsere Songs mitsingen, "Dancehouse Flair" brüllen oder einfach abfeiern, kalt liessen! Ich kann nicht erklären, wie ich mich in solchen Augenblicken fühle aber, bei Gott, ich war high! Vielleicht entschuldigt dies die Tatsache, dass wir einige Specials des Abends wie z.B. die Wahl zum Fan des Jahres nicht mehr durchgezogen, sondern auf das Zehnjährige verschoben haben.
Wir danken von Herzen all jenen, die den zum Teil überaus weiten Weg nach Mülheim auf sich genommen haben, um dieses letzte Weihnachtskonzert des 20ten Jahrhunderts mit uns zu feiern, dem Star Club, unserer Crew, unseren Freunden von der Connemara Stone Company und noch einmal vor allem Euch!
Merry Xmas!
Wir sehen uns im nächsten Jahr!